EINE GROSSE STADT UND IHRE KREATIVEN

07.12.2011

Robert Eysoldt versetzt sich in die Zukunft und schreibt über die Vergangenheit

Es war einmal eine große Stadt. Der Sturm der Geschichte hat sie kräftig durchgerüttelt. Sie wurde ausgebombt, wieder aufgebaut, geteilt und wieder vereinigt. Das Ergebnis: niedrige Preise und viel freier Raum. Sehr viel freier Raum.

Zuerst mischten sich die Inselbewohner des Westteils mit den Bewohnern des Ostteils. Gemeinsam tasteten sie sich erst vorsichtig und dann immer forscher voran. Man handelte ohne großes Regelwerk, losgelöst von klassischen Marktgesetzen. Man tat es, weil man es wollte und konnte, manchmal auch weil man es nicht durfte. Alles schien möglich zu sein. Nicht alle Ansätze führten zum Erfolg, aber wer wollte das vorher schon definieren? Die Zeit war reif zum Ausprobieren. Ideen brauchen Zeit und Raum, darin waren sich alle einig.

Die Stadt sendete ihre Botschaft in die Welt: In dieser Stadt seid ihr gut aufgehoben. Hier kann man was hochziehen. Miete? Ach vergiss es. Hier wird FREIHEIT groß geschrieben. Und sie kamen aus der ganzen Welt, ließen andere große Städte hinter sich – Designer, Künstler, Musiker, Clubmacher und all die anderen Kreativen. Gemeinsam wurde geplant, gemacht und hochgezogen. Der Lohn der Arbeit war häufig nur ein gutes Gefühl. Die internationale Presse stimmte in den Lobgesang ein und schrieb die Stadt hoch zum internationalen Zentrum der Kreativen. Arm und sexy konnte man lesen. Auf die Kreativen ließ sich das auf jeden Fall anwenden.

Dann kamen die Etablierten. Erst Wochenendtrips, dann Bürosuche. Bei diesen Mieten doch kein Problem. Sie stolperten durch die Stadt und saugten alles auf. Die Ideen, das Gefühl. Trendtourismus. Manche hatten gar keine Bleibe und feierten einfach durch.

Auch die Politik erkannte das Kreativpotenzial der großen Stadt. Aus Überzeugung und aus Mangel an Alternativen. So wurde geclustert, bewertet und gefördert. Es wurde viel gefördert. Man war in der großen Stadt nicht immer einer Meinung wohin das Geld fließen soll, aber es passierte etwas.

Bei den in Auftrag gegebenen Studien stellte sich heraus, dass sich die Kultur- und Kreativwirtschaft in Zukunft zum entscheidenden Wachstumstreiber der Stadt entwickeln würde. Alle hatten die Kreativen richtig lieb. So erhielten sie Zugang zu Geldmitteln, um eigene Ideen zu realisieren und die steigenden Einnahmen halfen einigen Kreativen dabei die steigenden Kosten in den Griff zu kriegen.

So lief es dann Jahr für Jahr. Man verglich sich mit anderen Metropolen, professionalisierte Prozesse, gründete Netzwerke und sah weiterhin Licht am Horizont. Stets bemüht und manches auch im roten Rahmen.

Doch dann passierte es: Anfangs hatte man es nicht bemerkt. Ganz leise hatte es sich angeschlichen. Aus dem Gefühl wurde eine Ahnung und schließlich Gewissheit. In der Club-Szene ließ es sich zuerst ablesen. Sperrstunde. Das Leben der Club-Betreiber wurde schwieriger, obwohl sich die große Stadt so gerne mit seinem Nachtleben als weltoffene Stadt darstellte.

Viele Objekte, eben noch Zentren der Kreativität, wechselten den Besitzer und wurden nicht gerade feinfühlig weiterentwickelt. Viele Bars und Boutiquen mussten internationalen Geschäftsketten weichen. Kleinere Projekträume und Bühnen konnten die steigenden Mieten nicht mehr zahlen. Bezahlbare Räume für Neues wurden knapp und die Alternativen, die auf dem Markt waren, gaben nicht viel her. Temporäre Nutzung war keine dauerhafte Lösung. Zu unsicher.

Das Geschäft mit Beton boomte, aber was wurde aus der Vielfalt? Attribute, die bis dahin wichtig waren für diese Stadt, verschwanden. Das Unsortierte, das aktionsgetriebene Schaffen, die Impulse. Was eben noch kantige Basis für Vielfalt war, wurde sukzessive glattgeschliffen. Die Kreativen waren verunsichert. War ihre Arbeit getan? Man zog erst einmal weiter. Stadtteil um Stadtteil wurde neu erkundet, bezogen und wach geküsst. Aber kaum entwickelte sich dort das neue Leben, ging es von vorne los. Es war ein Katz- und Maus-Spiel.

Irgendwann fühlten sich die Kreativen in die Ecke gedrängt. Sie entwickelten einen Plan: Entzug. Für ein langes Wochenende wolle man seine Arbeit, sein Treiben, seine Projekte einstellten. Und zwar alle zusammen. An einem Freitag im Mai war es dann soweit. Clubs wurden geschlossen, Konzerte fielen aus, Design- und Mode-Showrooms machten Pause. Es gab keine Ausstellungen und alle die mit sehr viel Eigeninitiative irgendetwas hochgezogen hatten, machten mal Urlaub. Selbst einige Theaterhäuser schlossen ihre Türen.

Da lag sie nun die große Stadt. Ganz ohne künstlerisch kreativkulturelles Programm. Der absolute Stillstand. Manch einer seufzte: Endlich Ruhe! Die Kreativen hatten nun ein wenig Zeit. So ging man auf Tour. Neugierig. Immer weitere Kreise zog man rundherum um die große Stadt, streifte andere Orte und übertrat Grenzen. Plötzlich lag eine andere große Stadt vor ihnen. Dieser Stadt erinnerte sie an die andere große Stadt, die jetzt hinter ihnen lag. Dreckig und voller Charme. Abweisend und einladend zugleich.

Ich habe leider vergessen, wie diese neue Stadt hieß. Detroit? Budapest? Ich weiß nur noch, dass die Kreativen dort, in dieser fremden großen Stadt ganz neu angefangen haben zu entdecken, zu beleben und aufzuwerten. Wie ein kreativer Renovierungstrupp. Es war einmal eine große Stadt...

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Veröffentlicht in BERLIN MAXIMAL, dem Mittelstandsmagazin des Tagesspiegels, No1|2012

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Robert Eysoldt arbeitet als Kommunikationsberater in Berlin. Als Vorstandsmitglied des Designernetzwerks Create Berlin und Mitbegründer von all2gethernow engagiert er sich ehrenamtlich für die Weiterentwicklung der Kultur- und Kreativwirtschaft.